"12 vor 5"

Politik, Gesellschaft und Kommunikation in der Umweltkrise

Über dieses Blog

12 vor 5

Seit einem halben Jahrhundert nimmt die Umweltkrise einen festen Platz im öffentlichen und politischen Diskurs der westlichen Industrieländer ein. "5 vor 12" ist zur vielleicht häufigsten Metapher in umweltpolitischen Debatten geworden. Wenn nicht sofort gehandelt werde, so die Botschaft, könne es schon bald zu spät sein.

Die kommunikativ erzeugte Dramatik steht allerdings in einem krassen Gegensatz zu dem, was tatsächlich passiert. Sie vereinfacht die wirklichen Zusammenhänge in einer Weise, die zwar als Stilmittel ihre Berechtigung hat, als analytische Kategorie jedoch vollkommen untauglich ist.

So verschleiert zum Beispiel das immer wieder vorgebrachte Bild von den Grenzen des Wachstums die Tatsache, dass wir in den letzten 40 Jahren vor allem eines erlebt haben: ein kaum für möglich gehaltenes Wachstum genau dieser Grenzen. Genau die Erkenntnis, dass dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum nur auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen funktionieren kann, hat die Erfolgsstrategie der ökologischen Modernisierung möglich gemacht, die wiederum eine jahrelange Entkoppelung von Wachstum und Umweltverbrauch mit sich gebracht hat.

Während die "5 vor 12"-Metapher notwendigerweise auf einem starren, eindimensionalen Kausalitätskonzept beruht - die "ceteris paribus" Klausel ist bei ihr fest eingebaut -, ist die reale Umweltpolitik ein komplexer und multikausaler Prozess, bei dem bereits die Warnung vor einer Katastrophe die Bedingungen nachhaltig verändert, unter denen diese Katastrophe ursprünglich als wahrscheinlich angenommen wurde.

Umgekehrt bedeutet die Tatsache, dass eine angekündigte Katastrophe ausbleibt, aber nicht, dass das zugrundeliegende Problem ebenfalls gelöst ist. Genauso wie die 5-vor-12-Warnung beruht auch die business-as-usual-Entwarnung auf einer unzulässigen Simplifizierung. Denn alleine die Beobachtung, dass sich Grenzen wider Erwarten verschieben, bedeutet noch lange nicht, dass die Faktoren, die zu ihrer Verschiebung geführt haben, unendlich reproduzierbar sind.

Viel interessanter als das endlose Hin und Her von Alarm und Beschwichtigung, von routinierten Warnungen vor der ökologischen Katastrophe und desinteressierten Sprechblasen professioneller Entwarner ist der Blick in den umweltpolitischen Alltag. Der Schlüssel zum Verständnis von Umweltpolitik liegt weder in den alle sechs Jahre veröffentlichten Sachstandsberichten des IPCC noch im jährlichen Gipfeltreffen der G20. Die wirkliche Umweltpolitik spielt sich im Zwischenraum zwischen Warnung und Entwarnung ab. Sie ist die Atempause zwischen Beruhigung und point-of-no-return. Umweltpolitik ist nicht "5 vor 12", sondern allenfalls "12 vor 5".

Themen dieses Blogs

Genau diese Atempause ist Gegenstand dieses Blogs. Die hier in unregelmäßigem Abstand veröffentlichten Beiträge handeln von einer mit immmer neuen Mitteln "gekauften Zeit" zwischen der Diagnose nicht-nachhaltiger Entwicklungspfade und deren tatsächlicher Manifestation. Dabei wählt das Blog eine politikwissenschaftliche Perspektive. Anstelle von normativen Aussagen darüber, wie eine ökologisch nachhaltige Gesellschaft aussehen könnte, werden umweltpolitische Erfolge und Misserfolge, vor allem aber zweifelhafte Teilerfolge, symbolische Ersatzhandlungen und unintendierte Problemverschiebungen, analysiert und ihr Zustandekommen kommentiert.

Dieses Blog hat mehrere Funktionen. In zufälliger Reihenfolge gehören dazu:

  • aktuelle politikwissenschaftliche Studien zur Umweltpolitik vorzustellen,
  • umweltpolitischer Ereignisse und Themen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zu diskutieren und
  • unausgegorene eigene Überlegungen ohne lange Wartezeit und außerhalb der üblichen wissenschaftlichen Foren zur Debatte zu stellen.

Vielleicht ändern sich diese Funktionen im Laufe der Zeit. Möglicherweise schläft das Blog nach einer Weile auch wieder ein. Einer der größten Vorteile des Mediums Blog ist, dass man sich darüber keine Gedanken machen muss.

Technisches

Technisch ist das Blog auf der neuen Ghost Plattform gehostet. Grund hierfür ist ein minimalistisches und responsives Design, das mit wenigen Funktionen auskommt und auf allen Geräten funktioniert. Bisher gibt es hier weder ein Inhaltsverzeichnis noch die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen. Vielleicht wird die eine oder andere Funktion nachgereicht. Bis dahin können die Beiträge chronologisch oder mit Hilfe der Tags thematisch durchgesehen werden.

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Die von mir verfassten Inhalte stehen, soweit nicht anders vermerkt, unter einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.

Über den Autor

Der Autor dieses Blogs, Helge Jörgens, ist Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Die hier veröffentlichten Beiträge geben die private Ansicht des Autors wieder. Sie stellen nicht die Meinung der Freien Universität Berlin oder des Forschungszentrums für Umweltpolitik dar.

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Meine Gastkolumne auf Focus Online.

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Helge Jörgens
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