"12 vor 5"

Politik, Gesellschaft und Kommunikation in der Umweltkrise

COP 21, das 2 Grad Ziel und die Unmöglichkeit politikwissenschaftlicher Prognosen

Politikwissenschaftler treffen gerne Vorhersagen. Da die Zukunft aber selbst für Politikwissenschaftler ungewiss ist, tun sie dies meist rückblickend. Sie stellen sich dann vor, sie lebten in der Vergangenheit und müssten theoriebasierte Vorhersagen über zukünftige politische Ereignisse oder Ergebnisse treffen. Diese Vorhersagen, auch Hypothesen genannt, überprüfen sie dann mit Hilfe von Zeitreihenanalysen oder historischen Prozessanalysen. Wenn sich die Vorhersagen bestätigen und die Analyse auch noch Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen den von der Theorie hervorgehobenen kausalen Mechanismen und den vorhergesagten Ereignissen liefert, dann sehen sie das als Beleg für die Vorhersagekraft ihrer Theorie. Bestätigen sich die Vorhersagen nicht, dann wird die Theorie überarbeitet.

Eigentlich müsste dieser Prozess der kontinuierlichen empirischen Überprüfung und Verfeinerung politikwissenschaftlicher Theorien deren Prognosefähigkeit verbessern. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Die Momente, in denen Politikwissenschaftler sich zu "echten" Prognosen hinreißen lassen, sind eher selten. Weniger Skrupel haben hingegen Wirtschaftswissenschaftler. So scheut sich John Quiggin auf Crooked Timber beispielsweise nicht, drei präzise Vorhersagen für das Jahr 2015 abzugeben. Zwei von ihnen sind ökonomisch. Erstens, so Quiggin, wird die weltweite Ölproduktion im Jahr 2014 ihren seit langem prophezeiten Höhepunkt ("peak oil") erreichen und von da ab sinken. Zweitens steht das Ende der virtuellen Währung Bitcoin unmittelbar bevor. Bei beiden Prognosen skizziert er knapp den kausalen Mechanismus, der ihnen zugrunde liegt.

Die dritte Prognose ist eine (umwelt)politische:

The Paris conference on climate change, will produce a half-baked compromise, which nevertheless represents progress towards stabilization at 2 degrees of warming.

Interessant ist, dass John Quiggin bei der politischen Vorhersage darauf verzichtet, den zugrunde liegenden kausalen Mechanismus anzugeben. Stattdessen argumentiert er salopp, dass dies ja seit 1997 nie anders war.

OK, this is pretty much a no-brainer, given that this is what we’ve been seeing ever since Kyoto in 1997, but I want to be sure of getting at least one right.

Dass ausgerechnet der "no-brainer", also die theoriefreie, auf simpler Fortschreibung der bisherigen Entwicklung beruhende, Prognose, als die sicherste angesehen wird, sollte jedem theoriegeleitet arbeitenden Politikwissenschaftler zu denken geben. Noch aufschlussreicher ist aber ein zweiter Punkt. Quiggins Blogpost zeigt, dass überzeugende Prognosen neben einer guten Theorie vor allem umfassende empirische Detailkenntnisse voraussetzen. Wenn die fehlen, dann ist in der Regel auch die Vorhersage wenig überzeugend.

Während Quiggins Erwartung eines "half-baked compromise" (wie immer das operationalisiert wird) sehr plausibel ist, liegt er mit seinen Erwartungen über den Inhalts dieses Kompromisses ("which ... represents progress towards stabilization at 2 degrees of warming") mit großer Wahrscheinlichkeit falsch. Schon 2010 in Cancún, als das 2 Grad Ziel endlich weltweit als Leitlinie der Klimapolitik anerkannt wurde, war es realistischerweise kaum mehr erreichbar. Seitdem ist weder eine Trendumkehr bei den weltweiten Treibhausgasemissionen absehbar, noch ist es gelungen, weitreichende und für alle Staaten geltende Reduktionsverpflichtungen zu beschließen.

Auf letzteres bezieht sich auch die Erwartung eines "half-baked compromise". Sie besagt, dass höchstwahrscheinlich auch in Paris keine Reduktionsverpflichtungen beschlossen werden, die geeignet sind, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Ein "halbgarer" Kompromiss kann somit per Definition keinen "progress towards stabilization at 2 degrees of warming" bedeuten. Vor diesem Hintergrund wage ich deshalb nun selbst eine Modifizierung von John Quiggins Vorhersage.

Am Ende von COP 21 in Paris wird ein halbgarer Kompromiss stehen, der vor allem eines signalisiert: obwohl die Einhaltung des 2 Grad Ziels dann noch unwahrscheinlicher geworden ist, gehen die globalen Klimaverhandlungen nach 2015 unbeirrt weiter. Das 2 Grad Ziel wird dabei langsam und unmerklich aus einem Teil der Reden und Beschlüsse verschwinden, ohne dass es jedoch zu einer offiziellen Aufgabe des Ziels kommen wird. [Ergänzung 17.01.2015: Das Ziel wird nicht nur seine zentrale Position im UN-Klimadiskurs verlieren; vielmehr wird es auch substantiell aufgeweicht].

Eine Begründung für diese Vorhersage habe ich hier aufgeschrieben. Aber wahrscheinlich kommt bis Ende des Jahre doch alles ganz anders ...