"12 vor 5"

Politik, Gesellschaft und Kommunikation in der Umweltkrise

Warum das 1,5 Grad Ziel weniger überraschend ist als es scheint

Es ist kein Geheimnis, dass erfolgreiche Umweltpolitik oft aus Win-Win Situationen hervorgeht. Gemeint sind Verhandlungssituationen, in denen alle Beteiligten von einer gemeinsamen Lösung profitieren. Übersehen wird dabei aber, dass zu jeder guten Win-Win Situation mindestens ein Verlierer gehört. Korrekterweise müsste man also von Win-Win-Lose Situationen sprechen. Dass die Verlierer oft übersehen werden, liegt daran, dass sie normalerweise nicht an den Verhandlungen beteiligt sind. Oft bemerken sie selbst nicht, dass sie gerade verloren haben.

Eine der größeren Überraschungen des Pariser Klimagipfels ist das höchst ambitionierte Klimaziel, das es bis in den jüngsten Vertragsentwurf von Donnerstagabend geschafft hat:

... holding the increase in the global average temperature to well below 2 °C above pre-industrial levels and pursuing efforts to limit the temperature increase to 1.5 °C

[Aktualisierung 12.12.2015: Selbst im finalen Entwurf vom Samstag Vormittag ist das 1,5 Grad Ziel trotz langer kontroverser Verhandlungen immer noch enthalten.]

Nachdem schon die Machbarkeit des weniger anspruchsvollen 2 Grad Ziels im Vorfeld von Paris in Frage gestellt wurde, fällt es nicht leicht, eine Erklärung für die explizite Aufnahme der 1,5 Grad Option in die Zielformulierung zu finden. Der Einfluss der pazifischen Inselstaaten, bisher die stärksten Verfechter des 1,5 Grad Ziels, kann es jedenfalls nicht gewesen sein. Zumindest nicht alleine. Kommt eigentlich nur eines in Frage: Die Festschreibung des 1,5 Grad Ziels im Pariser Klimaschutzabkommen ist Folge einer Win-Win-Lose Situation. Aber wer sind die Gewinner und, vor allem, wer die Verlierer?

Wer die Debatten der letzten Monate verfolgt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass sich Unternehmen und Wirtschaftsverbände mit der Kritik am 1,5 Grad Ziel stark zurückgehalten haben. Das könnte überraschen, ist aber kein Zufall. Noch bis vor kurzem dominierten im Strategiemix der gängigen Klimaschutzszenarien ein massiver Ausbau erneuerbarer Energien, deutliche Steigerungen der Energieeffizienz von Produkten, Dienstleistungen und Produktionsprozessen und teilweise sogar zaghafte Aufrufe zu einem grundlegenden Wandel unseres Lebensstils.

Alle diese Strategien haben eines gemeinsam: sie erschweren und verteuern eine Vielzahl von wirtschaftlichen Aktivitäten oder machen sie vollends unmöglich. Die Zahl der wirtschaftlichen Verlierer, insbesondere im Falle von Effizienz- und Suffizienzstrategien, ist deutlich größer als die der Gewinner. Die völkerrechtliche Verankerung des 1,5 Grad Ziels in einem neuen Weltklimavertrag könnte dies ändern. Das 1,5 Grad Ziel ist so ambitioniert, dass es mit den bisher anvisierten und gesellschaftlich akzeptierten Strategien und Instrumenten unmöglich eingehalten werden kann. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig, dass die globale Erwärmung nur durch negative Emissionen unter 1,5 Grad gehalten werden kann.

Negative Emissionen können aber mit Effizienz- oder Suffizienzstrategien nicht erreicht werden. Sie erfordern den großflächigen Einsatz von Technologien, die bisher zum einen weitgehend unerprobt sind und zum anderen auf wenig Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Hierzu gehört insbesondere das sogenannte BECCS (Bio-Energy with Carbon Capture and Storage), bei dem Energiepflanzen bereits freigesetztes CO2 aus der Atmosphäre binden. Die Energiepflanzen werden dann zur Energiegewinnung verbrannt wobei das dabei freigesetzte CO2 aufgefangen und gespeichert wird. Mit der Abscheidung und Speicherung von CO2 würde eine erste, bisher nicht durchsetzbare, Großtechnologie gesellschaftsfähig und für lange Zeit unverzichtbar.

Der Anbau von Energiepflanzen müsste darüber hinaus in einer Größenordnung erfolgen, die unweigerlich zur Flächenkonkurrenz insbesondere mit der Nahrungsmittelproduktion führen würde. Einziger Ausweg: eine deutliche Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge durch den umfassenden Einsatz grüner Gentechnik – eine zweite Großtechnologie, der zum Durchbruch in reichen Industrieländern bisher die wirklich überzeugende Legitimation fehlte.

Schließlich müsste die neue Klimaschutzstrategie zumindest kurz- bis mittelfristig durch einen Ausbau der Atomenergie flankiert werden. Selbst Kohlekraftwerke bekämen durch die Möglichkeit der CO2-Abtrennung und Speicherung eine neue Perspektive.

Aber die Festschreibung des 1,5 Grad Ziels würde nicht nur die allgemeine Akzeptanz von bisher weder politisch noch gesellschaftlich durchsetzbaren Großtechnologien steigern. Sie würde auch ein massives staatliches Subventionsprogramm lostreten mit dem Ziel, die wirtschaftlichen Risiken dieser Technologien abzufedern und ihren schnellen Einsatz zu ermöglichen.

Auf dem Pariser Klimagipfel haben sich nun drei Akteursgruppen zu einer scheinbaren Win-Win-Win-Konstellation zusammengefunden. Neben großen Agrar-, Energie-, Chemie- und Technologieunternehmen und ihren Verbänden sind das einerseits die Regierungen derjenigen Staaten, die unmittelbar von einer globalen Erwärmung über 1,5 Grad und dem damit verbundenen Anstieg der Meeresspiegel betroffen sind. Andererseits sind es die Staaten, allen voran Deutschland, die bereits sehr weitreichende Klimaschutzanstrengungen unternommen haben und nun darauf drängen, dass sich auch andere Staaten anschließen. Für diese Regierungen ist die Unterstützung des 1,5 Grad Ziel ein Mittel, den Graben zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu überbrücken und so den Weg frei für einen neuen Klimavertrag zu machen.

So unterschiedlich die Motivationen der drei Gruppen auch sind, so sicher ist es, dass sie im 1,5 Grad Ziel einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Wer aber sind die Verlierer dieses potentiellen Kompromisses?

Verlierer sind diejenigen, die dem Einsatz zentralisierter Großtechnologien und dem dominanten Wachstums- und Konsumparadigma liberaler Marktwirtschaften skeptisch gegenüberstehen. Wachstumskritiker, Verfechter suffizienter Lebensstile, Anhänger dezentraler Systeme der Energieversorgung – sie alle werden zu den Verlierern einer möglichen globalen Einigung auf ein 1,5 bis 2 Grad Ziel.

Dass selbst sie das hochambitionierte Klimaziel unterstützen, ist die ironische Pointe des Pariser Gipfels. Als engagierte Umwelt- und Klimaschützer können sie eine derart weitreichende, von allen Staaten der Welt unterschriebene Absichtserklärung nicht ablehnen – wohl wissend dass der Weg dorthin der aus ihrer Sicht falsche sein wird.